Exponate

Harun Farocki: Deep Play

Rund 1,5 Milliarden Zuschauer auf der ganzen Welt verfolgten die Finalbegegnung der Fußballweltmeisterschaft 2006 ausschließlich anhand der Ausschnitte, die durch das Bildmonopol der Fernsehindustrie ausgewählt wurden. Harun Farocki wirft einen Blick hinter das Sendematerial dieser Weltregie und gruppiert zwölf gleichberechtigt nebeneinander angeordnete Perspektiven zu einem faszinierenden Arrangement unterschiedlichster Sichtweisen.

Ob Bilder einer Überwachungskamera tief im Inneren des Stadions, mathematische Echtzeitberechnungen des Spielgeschehens, das Weltbild der Sendeanstalten, Abstraktionen des Spielverlaufes oder der gelassene Blick der Kamera auf das hitzige Geschehen auf der Trainerbank – aus Perspektiven werden Versionen ein und desselben Spiels. Jeder der zwölf Blickwinkel wird durch seine elf Mitperspektiven erweitert, dechiffriert und hinsichtlich seiner Bedeutung klarer:

Ein nervöses Handzeichen von der Trainerbank gewinnt spielbestimmende Tragweite, betrachtet man gleichzeitig die nervös über das Spielfeld flimmernden, abstrahierten Spielerpositionen. Die Darstellung der aktuellen Laufgeschwindigkeit der Spieler verläuft als weiße Kurve, quasi als Pulsschlag des Spiels. Mitarbeiter der Sicherheitsfirma absolvieren stoisch ihren Dienst, während Zinedine Zidane seinen Kopf gegen den Brustkorb Marco Materazzis rammt.

Unkommentiert, aber durch Originaltöne der Moderatoren, der Polizeikräfte und der Senderegie unterlegt, spannt sich dieser Bilderbogen der Finalbegegnung: ohne die vertrauten Bilder der Sendeanstalten hätte man kaum das Gefühl, dieses Spiel schon einmal gesehen zu haben.

KSC-Erinnerungen

Seit der Fusion der Karlsruher Vereine VfB Mühlburg und FC Phönix zum Karlsruher SC im Jahre 1952, repräsentiert der Verein bundesweit den Fußball in dieser Stadt. Zählte der KSC in den ersten Jahren noch unbestritten zu den führenden Clubs der Bundesrepublik, so folgten seit dem ersten Bundesligaabstieg 1968 turbulente Jahrzehnte – mit viel Leid, aber auch viel Freude für seine zahlreichen Fans. Das Team des Karlsruher Magazins für Fußballzeitgeschichte AUF, IHR HELDEN! stellt in Kooperation mit dem Stadtarchiv Karlsruhe die sechs ereignisreichen Jahrzehnte des heutigen Erstligisten vor.

Fußballdesign aus der Sammlung Volker Albus

Seit 1994 hält Volker Albus an der Staatlichen Hochschule für Gestaltung Karlsruhe eine Professur für Produktdesign inne, entwirft preisgekrönte Möbel, kuratiert Ausstellungen, publiziert – und sammelt Fußballgebrauchsgegenstände.

Ob Fußballurne, Stühle, Zigarettenspender oder Holzkohlegrill: kein Objekt unserer Gebrauchs- und Alltagskultur scheint vor einem Angriff des schwarzweißen Leders sicher zu sein.

Neben dieser schier unerschöpflichen Sammlung konzentrierte sich Volker Albus, leidenschaftlicher Fan des Vereins Eintracht Frankfurt, auch auf eigene, in „Gib mich die Kirsche!“ ebenfalls vertretene Fußballdesignentwürfe. Massengegenstände wie Fußballaschenbecher treffen in der Sammlung Albus auf augenzwinkerndes Design:

In der Obstschale „Cordoba“ etwa manifestiert sich das – je nach Nationalität als „Wunder“ oder „Schmach“ von Cordoba bezeichnete – Länderspiel, das im Rahmen der Fußballweltmeisterschaft 1978 in der gleichnamigen Stadt zwischen Deutschland und Österreich ausgetragen wurde. Angesichts der augenzwinkernden Umsetzung dieser und anderer, fest im Fangedächtnis verankerten Inhalte, würde sicherlich nicht nur Edi Finger „narrisch“ werden.

PONG: Goalmachine

Das Karlsruher Künstlernetzwerk PONG, als Spin-Off von Studierenden der Staatlichen Hochschule für Gestaltung Karlsruhe entstanden, widmet sich in seiner interaktiven Fußball-Installation „Goalmachine“ einem der letzten Geheimnisse des Fußballs: der Bananenflanke.

Diese, durch Manfred „Manni“ Kaltz vom Hamburger SV zur Perfektion gebrachte Spielweise des Balls im Sinne einer gekrümmten Flugbahn, sorgt durch Eigenrotation des Balls noch heute für Verwirrung im Strafraum des Gegners. In der Ausstellung „Gib mich die Kirsche!“ garantiert die „Goalmachine“ fruchtigen Flankspaß:

Sensoren, die an einem in den Boden eingelassenen Fußball angebracht sind, ermitteln die Richtung und Trittkraft des Torschützen. Zusätzlich hat dieser die Möglichkeit an einem Steuerpult die Windrichtung und -stärke sowie die Balldrehung einzustellen.

In Abhängigkeit von diesen Parametern wird der Torschuss nach dem Kicken des Fußball-Interfaces in einer Echtzeit 3D Umgebung visualisiert und als Videoprojektion auf zwei Leinwänden dargestellt. Ein Vierkanal-Klang garantiert Fußballatmosphäre im Raum und sorgt dafür, dass die Zuschauermenge die sportlichen Leistungen des Torschützen bejubeln kann.

In der Haut eines Profis

Eindringlich schwört Jürgen Klinsmann mit beherzten Ausrufen wie: „Jungs, die haben die Hose voll!“ und „Die sind fällig!“ die deutsche Nationalelf in der Dokumentation „Deutschland – ein Sommermärchen“ auf das Spiel ein. Und bereits vor Erscheinen des filmischen Fußballmärchens hielt ganz Deutschland noch einmal den Atem an: Sönke Wortmann durfte in der Kabine filmen!

Während sich zehntausende Zuschauer auf den Rängen und Tribünen mit Fanchören auf ein Spiel einstimmen, Moderatoren ein letztes Mal ihr Mikrofon kontrollieren und der Schiedsrichter seine roten und gelben Karten sortiert, schlägt das Herz eines Fußballspiels für einige Minuten tief in den Katakomben des Stadions.

In den Momenten vor dem entscheidenden Spiel, vor dem Einmarsch ins Stadion, dem Anpfiff und ersten Pässen herrscht in oft unscheinbaren Kellerräumen die Ruhe vor dem Sturm. In den Kabinen der Fußballstadien werden (abseits der Kameras, Mikrofone und Zuschaueraugen) letzte und neue Taktiken erläutert, Rügen und Lob ausgesprochen und alle Spieler auf Sieg eingestimmt.

„Gib mich die Kirsche!“ öffnet die Tür zu diesem geheimnisumwobenen Refugium und ermöglicht den Besuchern, sich den Kindheitstraum, einmal in der Haut eines Profis zu stecken, Teil des Geschehens in der Mannschaftskabine zu sein und ein Stadion voll jubelnder Fans zu betreten zu erfüllen.

„Die Katakomben, beim Fußball, das ist wie Ruhe vor dem Sturm“ – anhand dieses Ausspruchs konzipierte die Soundabteilung der Staatlichen Hochschule für Gestaltung eine Hörsimulation, die den Gang von der Kabine bis zum Spielfeld rekonstruiert:

Von Ferne sind die frenetischen Fanmassen schon dumpf zu vernehmen, der Klang der Stollenschuhe hallt vom Boden wider, fremde und die eigene Stimme im Kopf führen Zwiegespräche, am Ende des Tunnels zeigen sich erste Ausläufer des Blitzlichtgewitters der Presse- und Medienanstalten...

Andreas Friedrich: Fan pur!

Fans sind die singende, klatschende, johlende, mitfiebernde Bevölkerung der Stadien und Millionen Zuschauer vor den Fernsehgeräten. Fans sind viele, sind Masse und Ansammlung. Aber wie sieht eigentlich der Einzelfan aus? Andreas Friedrich porträtiert elf zufällig ausgewählte Fans mit ihrem individuellen Lieblingsfanartikel abseits der Stadien in der nüchternen Atmosphäre eines weißen Raumes und lädt zu einem mikroskopischen Blick auf kleinste Teilchen des Gesamtkomplexes Fan ein.

Enno Ilka Uhde: Opernbälle

Was haben UEFA Champions League, FIFA Confederations Cup und Länderspiele des DFB gemeinsam? Wenn sich die Augen von Millionen Zuschauern auf die Eröffnungsfeiern dieser und anderer Fußballgroßereignisse richten, zeichnet häufig der Karlsruher Regisseur und Performance-Designer Enno Ilka Uhde verantwortlich. Seine spektakulären Eröffnungen, die in Auszügen in „Gib mich die Kirsche!“ präsentiert werden, verdeutlichen einmal mehr, dass die Rasenflächen im Zentrum der modernen Arenen längst zu den großen Bühnen, den Opern und Theatern des Weltgeschehens geworden sind.

Spielzüge-Installation: Hacke, Spitze, Tor!

Am 30. Juli 1966 prägte das bis heute umstrittene Tor von Geoff Hurst im WM-Endspiel Deutschland-England den Begriff „Wembley-Tor“: der Ball prallt von der Unterkante der Torlatte ab, springt zurück ins Spiel – aber war er, wie Bundespräsident Heinrich Lübke unter breiter Kritik der deutschen Fußballöffentlichkeit sagte, wirklich „drin“?

Über dem Spielfeld in der dem Stadtgarten zugewandten Sektion der Ausstellung spannt sich das legendäre Wembley-Tor als plastisch visualisierte Flugbahn über die Köpfe der Besucher – wie hättest Du entschieden?

Jens-Marco Galeani: Der Ballmächtige

Gelassen, heiter und freigiebig thront Buddha am Ausgangspunkt der Ausstellung: In gewohnt zufriedener und in sich ruhender Pose, bietet er Raum für kleine und große Stoßgebete, nimmt freiwillige Opfergaben besonders verzweifelter Fans entgegen und reicht Besuchern freigiebig die Kirsche, die Lothar Emmerich so energisch für sich beanspruchte. Ein Reiben seines vorsorglich entblößten Fußballbauches wendet selbst ausweglos erscheinende Partien zum Sieg – der Ballmächtige wacht über Eure Mannschaft!

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