„Gib mich die Kirsche!“ Der legendäre Ausspruch des Borussia Dortmund-Stürmers Lothar „Emma“ Emmerich, mit dem er seine Mitspieler energisch zum Abspielen des Balles aufforderte, ist der Titel der im Juni 2008 durch die Stadt Karlsruhe, die Staatliche Hochschule für Gestaltung und das Zentrum für Kunst und Medientechnologie ausgerichteten Fußballausstellung. Für vier Wochen verwandelt sich die Nancyhalle in eine lebendige Fankurve, die Wissenswertes, Skurriles sowie künstlerische und kulturelle Positionen, Momentaufnahmen und Fundstücke rund um das Spiel der Spiele vereint. Der Rasen ruft!
Längst ist das Fußballspiel dem Bolzplatz und den modernen Arenen entwachsen und hält Einzug in Themenfelder der Hochkultur und des Sozial-, Kultur- und Bildungswesens: In neunzig Minuten entfaltet sich auf dem Platz ein eigenständiger und dennoch kollektiver Erlebnis- und Erfahrungsraum. Das runde Leder beschäftigt seit langem nicht nur Spieler, Fans und Vereine, sondern ist Gegenstand philosophischer Betrachtung, künstlerischer Interpretation und wissenschaftlicher Studien. Auf dem Rasen werden soziale Standards ausgelotet und Ikonen geboren, es entspinnen sich Diskurse von politischer Tragweite und der kollektive Gefühlszustand der Zuschauer oszilliert zwischen Pfeifkonzert und euphorischer Freude.
„Gib mich die Kirsche!“ präsentiert eine Momentaufnahme dieser Aspekte im Sommer 2008 und stellt Fankult gleichberechtigt neben historische Hochkultur, gruppiert historisches Erinnerungsmaterial mit subjektiven Eindrücken, fängt Stimmen und Stimmungen ein und spannt den Betrachtungsbogen vom Mikrokosmos Fan zu globalen Annäherungsversuchen an das Wesen des Spiels.
In der Karlsruher Nancyhalle erwarten den Besucher unterschiedlichste Themenbereiche, die inhaltlich jeweils durch ein den Exponaten quasi als Geleitwort voraus gestelltes Zitat verbunden sind:
„Es war ein wunderschöner Augenblick, als der Bundestrainer sagte: ‚Komm Steffen, zieh deine Sachen aus, jetzt geht's los.‘“
(Steffen Freund)
Wie jedes Fußballspiel beginnt auch „Gib mich die Kirsche!“ mit einem kurzen Aufenthalt in der Spielerkabine. Während sich zehntausende Spieler auf den Rängen und Tribünen mit Fanchören auf das Spiel einstimmen, Moderatoren ein letztes Mal ihr Mikrofon kontrollieren und der Schiedsrichter seine roten und gelben Karten sortiert, schlägt das Herz eines Fußballspiels für einige Minuten in der Spielerkabine in den Katakomben des Stadions.
„Gib mich die Kirsche!“ öffnet die Tür zu diesem geheimnisumwobenen Refugium und ermöglicht Besuchern sich den Kindheitstraum, einmal in der Haut eines Profis zu stecken, Teil des Geschehens in der Mannschaftskabine zu sein und ein Stadion voll jubelnder Fans zu betreten zu erfüllen: Von Ferne sind die frenetischen Fanmassen schon dumpf zu vernehmen, der Klang der Stollenschuhe hallt vom Boden wider, am Ende des Tunnels zeigen sich erste Ausläufer des Blitzlichtgewitters der Presse- und Medienanstalten...Die Arena gehört Dir!
„Die Wahrheit liegt auf dem Platz.“
(Otto Rehhagel)
Ob „Wembley Tor“ oder die berüchtigte „Hand Gottes“ – bis heute diskutieren Fußballfans umstrittene Tore. Wie es sich angefühlt haben mag, in diesen und anderen historischen Momenten inmitten des Ballgeschehens zu stehen, vermittelt die Spielzüge-Installation. Im südlichen Teil der Halle erstreckt sich außerdem eine bunt gemischte Sammlung von Modifikationen des klassischen Rasensports: ob Riesenkicker, Bildschirmspiele, „Goalmachine“ oder ein kleines Hallenfußballfeld: hier darf nach Herzenslust gekickt werden.
„Das ist zwar Gequatsche, aber es bewahrheitet sich immer wieder: Es gibt einen Gott im Fußball!“
(Winfried Schäfer)
Wer dem Fußballgott auch außerhalb des Platzes huldigen möchte, ist am räumlichen Beginn der Ausstellung, der sich dem Thema „Heiliger Rasen“ widmet, bestens aufgehoben. Ob Jens-Marco Galeanis „Ballmächtiger“, Jörg Globas´ „Anstoßpunkte“ oder die Dokumentation der Geschehnisse im Sommer 2001, als das Satiremagazin Titanic die Fußballlweltmeisterschaft nach Deutschland locken wollte – hier werden Rasen und Fußballspiel zu Ikonen.
„Ich bleibe auf jeden Fall wahrscheinlich beim KSC.“
(Sean Dundee)
Eine Fußballausstellung in Karlsruhe ohne den KSC ist undenkbar: In Kooperation mit dem Karlsruher Stadtarchiv, dem Magazin „AUF, IHR HELDEN!“ und dem Medienpartner BNN sind Besucher der Ausstellung zu einem kleinen Streifzug durch die Vereins- und Karlsruher Fußballgeschichte eingeladen.
„Wir müssen gewinnen. Alles andere ist primär.“
(Hans Krankl)
Über diesem Bereich der Ausstellung thront programmatisch der Fußball als Objekt, dem während einer Spitzenpartie häufig Millionen von Zuschauern und Fans mit den Augen folgen. In dieser Sektion dominiert das bewegte Bild: ob Harun Farockis „Deep Play“ oder der preisgekrönte Film über Zinedine Zidane von Parreno/Gordon – so primär das Gewinnen eines Spiels, so subjektiv und vielfältig sind die Sichtweisen auf eine Partie.